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Wie die Verantwortungsbedachten Etablierten haben auch die Postmateriellen Skeptiker eine grundsätzlich positive Einstellung gegenüber Beteiligung und Engagement im Allgemeinen. Sie wägen aber die Nutzung des Internets in diesem Kontext kritisch-distanziert ab. Dies führt dazu, dass sie eine eher begrenzte Beteiligung im Internet aufweisen.

„Ich habe in den letzten Tagen, abgesehen von meinem Online-Banking, im Internet nur gelesen. Darunter waren zwar auch Foren-Diskussionen, allerdings habe ich diese nur passiv verfolgt. Selbst bei der Beteiligung an einer Diskussion würde ich bei mir nicht von einem Engagement im Internet ausgehen, dafür kommt von mir einfach viel zu wenig.“

Abbildung 19: Bildassoziationen der Postmateriellen Skeptiker mit Beteiligung im Internet

Abbildung 19: Bildassoziationen der Postmateriellen Skeptiker mit Beteiligung im Internet

Reine Online-Beteiligung (ohne Äquivalent im Offline-Raum) findet in diesem Milieu nur sehr selten statt. Häufiger ergänzt die Beteiligung im Netz Aktivitäten außerhalb des Internets. Oder die Beteiligung wird gleich gänzlich der Offline-Welt zugerechnet.

„Also, ich kann Ihnen leider keine Seite nennen, wo ich im Internet engagiert bin, denn ich nutze das Internet selten. Ansonsten bin ich ein Mensch, der offline engagiert ist und mehr Wert auf das Zusammensein mit Menschen legt und nicht im Internet.“

„Gleichzeitig bin ich aber auch ein Mensch des ‚realen‘ Lebens, der ‚Außenwelt‘. Auch wenn ich auf eine Seite treffe, die sich erst einmal seriös, kostenlos präsentiert, ich aber letztendlich aufgefordert werde, zu bezahlen, etwas abzuschließen, oft auch mit einer ‚verdeckten Strategie‘, entferne ich mich sofort von dieser Seite! Ich würde mir mehr Klarheit und offene Transparenz wünschen! ‚Du kannst auf unserer Seite mitmachen, zu den und den Bedingungen‘ und nicht locken und mich, auf ‚halb illegale‘ Weise, dazu bringen, etwas zu tun, was ich eigentlich nicht will!“

Auffällig im Vergleich zu den anderen Milieus, vor allem denjenigen der Digital Natives, ist der kommerzkritische Habitus der Postmateriellen Skeptiker. Aus diesem Grund werden die großen kommerziellen Anbieter im Netz sowie deren Geschäftsmodelle kritisch betrachtet. Beteiligung findet häufiger auf kleineren, lokalen, zum Teil sogar subversiven Plattformen statt.

„Ich engagiere mich nicht, da für mich vieles Lug und Betrug ist, da ich denke, die wollen mit uns allen nur Geld verdienen.“

„Anonymous ist eine von den Seiten, die mich interessieren und mich zum Teilen und Mitreden anregen.“

Beteiligung in der Politik und für zivilgesellschaftliche Belange

Diejenigen Postmateriellen Skeptiker, die sich im Internet beteiligen, tun dies – im Vergleich zu Vertretern der anderen Milieus – häufig im zivilgesellschaftlichen und politischen Bereich. Häufig sind ökologische und soziale Anliegen Gegenstand ihrer Beteiligung.

„Ich engagiere mich für Themen, persönlich oder aus ethischen Gründen, wo ich denke, das ist für mich vertretbar, mit meinen Weltanschauungen. Das fordert meine aktive Beteiligung. Für Obdachlose in Berlin Lebensmittelspenden austeilen, von Haus zu Haus ziehen und Sachen abholen und weitervermitteln. Das wird gebündelt durch einen Aufruf, und dann meldet man sich und sagt, ‚Morgen habe ich freie Kapazitäten, was wird gebraucht‘, und mal wird gebraucht, dass jemand rumfährt und einsammelt, ein anderes Mal, dass man Tee austeilt.“

„Bewahrt Fehmarn! Dort steht ein ganzes Areal vor dem Kollaps, weil gewinnorientierte Marketing-Hipster ein Riesengeschäft wittern: Fehmarn soll eine schwere Wunde zugefügt werden. Ein 15 Hektar (!!!) großes Industrieareal auf bislang landwirtschaftlich genutztem Grund (Weideland für Schafe und Rinder). Das sind mehr als 33 Fußballfelder! Fast vollständig versiegelt, also asphaltiert. Schon jetzt sind Bewohner und Touristen empört, wie Interviews (siehe Facebook und YouTube) zeigen, haben eine Petition und Zigtausende Unterschriften in Gang gesetzt. Ich finde diesen Zustand unerträglich und engagiere mich deshalb hier.“

Das ökologische oder soziale Engagement der Postmateriellen Skeptiker weist häufig einen starken realweltlichen Bezug auf. Dabei geht es darum, Schwache, Marginalisierte und Hilfsbedürftige zu unterstützen. Das Internet und dessen Beteiligungsmöglichkeiten dienen der Erleichterung dieses Engagements. Beteiligung im Internet wird also für organisatorische und operative Zwecke genutzt.

„Wir haben mit der IHK z.B. diese Seite aufgebaut, um den Bau einer benötigten S-Bahn zu beschleunigen, der schon seit vielen Jahren immer wieder verschoben wurde. Weiterhin organisieren wir viel über unsere Facebook-Gruppe. Es ist somit meistens eher die Organisation zu einem Engagement in der Realität, weil man so viele Leute auf einmal ansprechen kann und jeder es sehen kann.“

„Ich bin geringfügig engagiert im Netzwerk Berlin auf Facebook, wenn ich aufgrund einer Hilfsanfrage einen konstruktiven Beitrag leisten kann, zum Beispiel Nachbarschaftshilfe oder Weitergabe von Dingen, die ich besitze, aber nicht mehr benötige, und jemand anderes freut sich darüber.“

Beteiligung in der Kultur

Im Vergleich zu den bisher behandelten Milieus nutzen Postmaterielle Skeptiker das Internet eher selten, um ihren Hobbys nachzugehen. Soziale Medien werden gelegentlich genutzt, vor allem um Inhalte zu verbreiten, was dann aus ihrer Sicht auch eine Form der Beteiligung darstellen kann.

„[Beteiligt war ich,] indem ich die Ankündigung zum Konzert einer Freundin auf Facebook geteilt habe und damit hoffentlich dafür sorge, dass mehr Zuhörer auf das Konzert und ihre Musik aufmerksam werden – das ist eher schon eine geringe Form von Engagieren für eine andere Person.“

Vertreter des Milieus sind durchaus vertraut mit einigen Foren und Communitys im Internet, schätzen diese und nutzen sie auch passiv, tragen jedoch selbst nur selten aktiv bei und fühlen sich daher nur selten beteiligt.

„Kenne die Seite und bin dort auch schon fündig geworden. Allerdings, um selber etwas zu schreiben, müsste ich mich anmelden und somit fällt das für mich flach. Ich möchte meine Mail-Adresse/Daten nicht unnötig rausgeben, freue mich aber über das Engagement anderer auf dieser Seite.“

„Bei gutefrage kann man wunderbar Ratschläge geben und erhalten. Ich bin hier selbst angemeldet und schreibe auch relativ aktiv. Es macht Spaß, und man hat ja auch selber etwas davon.

Beteiligung in der Wirtschaft

Vereinzelt findet Beteiligung im Internet auch in wirtschaftlichen Kontexten statt, vor allem, wenn sie mit beruflichen Aufgaben verbunden ist. Postmaterielle Skeptiker nutzen durchaus kommerzielle Angebote im Netz, betrachten dies jedoch häufig nicht als eine Form der Beteiligung.

„Ich habe aktiv mein Profil auf einer Kommunikationsplattform aktualisiert und gepflegt, was beruflichen und privaten Nutzen zugleich hat, d.h., ich habe nicht nur Informationen gesucht und gefunden, sondern bewusst das Internet genutzt und mitgestaltet.“

Beteiligung an Gesundheitsfragen

Beteiligung an Gesundheitsfragen findet in diesem Milieu durchaus statt – allerdings außerhalb des Internets. Online-Angebote, Foren oder Communitys in diesem Bereich werden zum Teil sehr kritisch beurteilt. Postmaterielle Skeptiker legen Wert auf hochwertige, zuverlässige und professionelle Informationen, die sie diversen Online-Angeboten nicht zutrauen.

„Diese Seite kenne ich ebenfalls, würde mich da allerdings nicht beteiligen und finde auch, dass eine solche Seite nicht sinnvoll ist. Ärzte stellen mit Sicherheit nicht immer richtige Diagnosen, aber sich dann auf Diagnosen aus dem Internet zu verlassen, zeigt mir erneut das Grundproblem der heutigen Medizin. Krankheiten müssen ganzheitlich behandelt werden, und statt Symptome zu behandeln, müssen Ursachen erforscht werden.“

Abbildung 20: Digitale Beteiligungswelten der Postmateriellen Skeptiker

Beispiel: Ulrike, 55, Kunsthandwerk (Teilzeit)

Ulrike ist eine gelegentliche, selektive Nutzerin des Internets, die vorwiegend passive Nutzungsformen aufweist.

„Ich gehe in das Internet hauptsächlich zum E-Mail-Schreiben – zum Kauf und Verkauf und zur Informationssuche“.

Sie hat beträchtliche Vorbehalte gegenüber dem Medium – das Internet ist für sie eine etwas oberflächliche, schnelllebige, oft auch anonyme Welt. Sie bevorzugt daher den „realen“ Umgang mit „echten“ Menschen.

„Ich nutze das Internet […] so wenig als möglich. Das hat auch damit zu tun, dass ich so weit, wie es noch möglich und in meiner Macht steht, die Kontrolle über meine Daten haben will. Mein ‚Ich‘ teile ich mit ‚realen Freunden‘.“

Ulrike ist eine aufgeklärte Bürgerin und Nutzerin, sie informiert sich regelmäßig und hat viel gelesen über die Gefährdungen der Privatsphäre im Internet. Um diese zu vermeiden, verzichtet sie im Zweifelsfall lieber auf die aktive Nutzung des Mediums. Besonders kritisch sieht sie das umfassende Datensammeln der kommerziellen Online-Anbieter.

„Ich engagiere und beteilige mich so wenig als irgendwie möglich, um nicht ‚gläsern‘ und ‚erkannt‘ zu werden. Sobald ich ‚ins Internet gehe‘, muss ich immer damit rechnen, dass Daten von mir ‚abgefangen‘ werden.“

Verzichten möchte sie auf das Medium jedoch nicht, denn es bietet durchaus auch eine Reihe von Vorteilen. Mit Beteiligung im Internet verbindet Ulrike „Arbeiten“ und „Suchen“ sowie auch „Chats“.

„Trotzdem möchte ich das Internet nicht mehr missen. Es ist auch für mich nicht mehr wegdenkbar – dies auch als Nutzer der Generation 50plus ;-).“

Ulrike ist in ihrem persönlichen Umfeld sehr engagiert, hilft Freunden und Verwandten oder auch Nachbarn. Sie übernimmt Verantwortung, indem sie selbst anpackt – das muss und soll nicht öffentlich geschehen. Engagement dient nicht dem Ziel, gesehen zu werden.

„Ich selber engagiere mich im privaten sozialen engen Umfeld so weit, dass ich für Sachen nebenbei keinerlei Kraft und Zeit mehr habe.“

Engagement assoziiert Ulrike darum mit „persönlicher realer Aktion und nicht im Internet“. Engagement im Internet bedeutet für sie „Selbstdarstellung“ und „Missbrauch“. Dennoch sieht sie auch Chancen, etwa durch „Spenden“ und „Petitionen“ im Internet.