Positive und negative Beteiligung

Die Unterscheidung von freiwilliger und unfreiwilliger Beteiligung nimmt eine gewisse Brisanz ein, wenn Beteiligung weiter nach „positiver“ und „negativer“ unterschieden wird: Eine aktive Beteiligung dient meist einer Sache, folgt einer Absicht. Zahlreiche Befragte schätzen die Tatsache, dass das Internet für praktisch jedes Interesse eine Plattform bereitstellt. Kein Hobby, kein exotisches Interesse, für das im Netz nicht eine Plattform, eine Community besteht. Das Internet ermöglicht damit Gemeinschaft in Vielfalt.

„Wenn du darauf stehst, dir pinke Hasenkostüme anzuziehen und damit Fußball zu spielen, dann kannst du dich mit Leuten in Hongkong, London und Barcelona verabreden, und ihr trefft euch in Chile und spielt das so, und das kann ich mir per Postkarte oder Fanmagazin nicht so vorstellen. So eine Nischenbewegung, so Lifestyle-Communitys, die ganz großen und auch ganz viele kleine – ich glaube, das ist ganz gut möglich.“

Auch die Analyse der wissenschaftlichen Literatur zeigte: Hier liegt eine Stärke, ein Vorteil des Internets – vor allem für zuvor marginalisierte Gruppen. Der Zusammenschluss mit Gleichgesinnten im Internet, gleich, wie weit entfernt diese physisch sein mögen, stärkt das Selbstvertrauen, fördert die Selbstakzeptanz, er-leichtert die souveräne Lebensgestaltung. In der Literatur wird dieser Effekt häufig als „Empowerment“ bezeichnet. Untersucht und dokumentiert wurde er beispielsweise für Betroffene von Krankheiten, religiöse oder sexuelle Minderheiten oder auch im Kleinen für Anhänger außergewöhnlicher Musik, Filme oder sonstiger Lebensstile (vgl. DIVSI, 2014).

„Refugium für Außenseiter. Viele von meinen Kunden, das sind halt auch so Außenseiter, diese ganze Manga-Anime-Ecke, die sind dann irgendwie schräg in ihrer Klasse, die finden sich aber in ihren Foren und kommen dann mit ihren Internetbekanntschaften zusammen in den Laden. Und früher wäre das gar nicht möglich gewesen. Die hätten das dann irgendwie erdulden müssen, bis zum Ende ihrer Schulzeit, und jetzt können sie wenigstens unterm Tisch mit ihren Freunden im Internet schreiben.“

Eine Schattenseite weist diese Stärke des Internets jedoch auf, weil gewisse marginalisierte Gruppen durchaus gewollt von ihrer Gesellschaft marginalisiert werden: Kinderschänder, Gewaltverbrecher, Terroristen, Rassisten. Auch solche Minderheiten erhalten die Möglichkeit, im Internet Anschluss zu Gleichgesinnten zu finden. Das Internet ermöglicht daher auch Beteiligung für Anliegen, die gesellschaftlich nicht erwünscht sind. Es gibt also auch eine „negative Beteiligung im Internet“.

„Dass man halt wirklich sich nur noch auf eine Seite versteift oder nur noch eine Meinung vertritt, oder auch – furchtbares Thema – Kinderpornografie, dass man dann halt Pädophilen eine Plattform gibt, die halt dann anonym da rumsurfen können und sich Bilder runterladen können. Also, es sind ja alles irgendwie die guten Seiten, die das Internet hat, aber es hat genauso viele negative Seiten, und das darf man einfach auch nicht vergessen.“

„Es gibt ja auch Trolls, Leute, die sich einen Spaß draus machen, jemanden zu provozieren, und wenn sie merken, sie haben einen, der richtig drauf anspringt, die spammen in dem Moment ein ganzes Forum zu. Wo es mit dem Ursprungs-Chat gar nichts mehr zu tun hat.“

„Beteiligung kann ja letztendlich auch zu einer Rekrutierung führen. Irak, Syrien usw. Wie viele Deutsche kämpfen mittlerweile für diese ISIS? Die sind ja auch rekrutiert.“

Eine solche „negative“ Beteiligung ist aus Sicht mancher Befragten vor allem auch dann brisant, wenn sie eben unfreiwillig erfolgt. Durch Unachtsamkeit oder die Assoziation mit anderen ist es im Internet denkbar, an Thematiken, Anliegen oder Bewegungen beteiligt zu werden, denen man selbst ablehnend gegenübersteht. Im Englischen gibt es den Begriff „guilt by association“ – also Schuld durch Nähe oder Verbindung, zu Deutsch auch „Sippenhaft“. In einem vernetzten Medium sehen hier einige Nutzer durchaus eine Gefahr.