Einführung

Dabei sein ist nicht alles, aber ein Anfang

„Ich lasse mich nicht nur berieseln, sondern nehme aktiv am Geschehen teil“, so fasst eine Teilnehmerin der vorliegenden Studie (37 Jahre, verheiratet, zwei Kinder) ihr Verhältnis zur „Beteiligung im Internet“ zusammen. Ein spannender Satz, denn er deutet nicht nur an, was Beteiligung im Internet ist, sondern auch, warum sie wichtig ist.

Beteiligung im Internet ist heute in vieler Munde. Manche wünschen sich mehr Beteiligung, andere fürchten sich vor ihr. Und wieder andere haben das Gefühl, dass die digitalen Medien unsere Beteiligung nicht nachhaltig beeinflussen. Um aber beurteilen zu können, ob Beteiligung im Internet Spuren an unserer Gesellschaft hinterlässt – und wenn ja, in welcher Form und unter welchen Voraussetzungen –, muss vorab eine grundlegende Frage geklärt werden: Was ist Beteiligung im Internet eigentlich genau? Wer beteiligt sich da wie und mit welcher Absicht?

Das DIVSI-Forschungsprogramm „Beteiligung im Internet“ will Antworten auf diese Fragen bieten. Der vorliegende Bericht stellt die zweite Studie des Forschungsprogramms vor. Erstmals werden hier Antworten aus Sicht der Betroffenen beschrieben: der deutschen Internetnutzer. In Online- und Offline-Fokusgruppen haben wir Repräsentanten der DIVSI Internet-Milieus zu ihrer Beteiligung im Internet befragt. Dabei wurde nicht nur erhoben, wie sie sich beteiligen und warum. Im Zentrum stand vor allem auch die Frage, was im Sprachgebrauch der Internetnutzer Beteiligung genau ist. Wann fühlen sich die Deutschen also im Internet beteiligt?

Vier besonders relevante Aspekte treten dabei zutage, die nicht nur für die Forschung, sondern auch für die öffentliche Debatte um Sinn und Unsinn, Bedeutung und Wirkung von Beteiligung im Internet eine Anregung darstellen:

Beteiligung im Internet ist auch, aber nicht nur, Politik

Erstens: Beteiligung im Internet ist überall. Unser digitaler Alltag ist durchdrungen von Beteiligung. Von Fan-Communitys über Nachbarschaftshilfe, Nachhilfegruppen, Gesundheitsforen bis hin zur Videowerbung für Produkte und Dienstleistungen – die Deutschen nutzen das Internet für Beteiligung in Kultur, Bildung, Gesundheit, Wirtschaft und auch Politik. Auch, aber eben bei Weitem nicht nur! Die Befragung zeigt, dass Politik eher in Ausnahmefällen Gegenstand der Beteiligung im Internet ist. Viel häufiger genannt wird Beteiligung im wirtschaftlichen Kontext, zu persönlichen Interessen oder Hobbys, aber auch für zivilgesellschaftliche Anliegen.

Beteiligung im Internet ist also viel mehr als nur Politik. Erst wenn klar wird, in wie vielen unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten sie stattfindet, kann auch ihre Bedeutung realistisch eingeschätzt werden. Vereine und Verbände, Unternehmen, Schulen und Universitäten, Arztpraxen und Krankenhäuser, Kunstgalerien und Theaterbühnen und auch Parteien und Parlamente – sie alle sind Felder der Beteiligung im Internet.

Beteiligung im Internet bereichert – manchmal vielleicht auch die Falschen

Die zweite Erkenntnis lautet darum: Beteiligung im Internet eröffnet viele Chancen, kann aber auch mit Gefahren verbunden sein. Die befragten Nutzer jedenfalls erkennen viele persönliche Vorteile in ihrer Beteiligung: Sie lernen dazu, geben eine Meinung ab, setzen Themen, entfalten sich künstlerisch, verdienen Geld, verbinden und koordinieren sich mit neuen Bekannten, und sie bieten einander Hilfestellungen an. Aus diesen vielen individuellen Vorteilen ergeben sich wiederum Chancen für die Gesellschaft. Wie schon das Eingangszitat beschreibt: Durch das Internet bringen sich die Nutzer in soziale Gemeinschaften ein, sie sind eingebunden, sie tragen bei. So entsteht Sozialkapital und Zusammenhalt – die Substanz, von der jede Gesellschaft lebt.

Eine gute Nachricht für jene, die befürchten, dass neue Medien zu Vereinsamung und Isolierung führen könnten. Eine gute Nachricht auch für jene Organisationen und Institutionen, die sich eine Beteiligung ihrer Zielgruppen, Schüler, Mitglieder, Kunden oder Wähler wünschen. Und doch hat die Beteiligung nicht nur Lichtseiten. Denn einbringen kann man sich auch für Anliegen, die gesellschaftlich wenig erwünscht sind. Das globale Netz ist so groß, dass Nutzer hier auch für zwielichtige Ziele Gleichgesinnte finden. Es gibt also auch eine „negative Beteiligung im Internet“. Indem Menschen Anschluss an wenig populären Gruppen finden, treten sie zwar aus der persönlichen Isolation heraus, eine gesellschaftliche Einbindung ist damit aber nicht automatisch erreicht.

Beteiligung im Internet ist (auch) eine soziale Frage

Die Studie zeigt auch: Nicht alle sind gleichermaßen im Internet beteiligt. Heute besteht eine neue Qualität der digitalen Spaltung, die „Participation Divide“. Sie trennt jene, die von den genannten Vorteilen einer Beteiligung im Internet profitieren, von jenen, die den Zugang nicht finden. In manchen Fällen liegt das an mangelndem Interesse, an einer sachlichen Überforderung. Häufig hat das Auftun der neuen digitalen Spaltung aber etwas mit Sicherheit und Vertrauen im Internet zu tun.

Beteiligung im Internet ist eine aktive Nutzung der neuen Medien: Man erstellt Inhalte und teilt sie mit ausgewählten Zielgruppen. Das bedeutet auch: Es werden Datenspuren hinterlassen. Nutzer werden sichtbar – zum Teil in abgeschlossenen Gruppen, zum Teil aber auch öffentlich. Je aktiver sich Menschen im Netz beteiligen, desto mehr exponieren sie sich und machen sich angreifbar für Kritik, Beleidigungen, Mobbing, Verfolgung oder Überwachung. Um sich also zu beteiligen, müssen die Nutzer Vertrauen haben – in die persönliche und auch technische Sicherheit, in die eigenen Nutzungskompetenzen, in den Anstand anderer Nutzer und in die Durchsetzbarkeit rechtlicher Spielregeln. Unsere Studie zeigt, dass viele Nutzer heute dieses Vertrauen nicht aufbringen – und darum von den möglichen Vorzügen einer Beteiligung im Internet nicht profitieren.

Beteiligung im Internet ist mehr als Beteiligung und Internet

Der vierte Aspekt zielt darum auf den Kern der beschriebenen Fragestellung ab: Was ist Beteiligung im Internet eigentlich genau? Beteiligung im Internet ist mehr als nur dabei sein, sie besteht aus dem Einsatz für ein Anliegen und der aktiven Nutzung neuer Medien. Beide Komponenten können hemmend wirken: Manche finden kein Anliegen, für das sie brennen. Andere beteiligen sich zwar, aber nur außerhalb des Internets. Doch eine neue Dynamik entsteht erst an der Schnittstelle zwischen den Anliegen der Menschen und den Nutzungsmöglichkeiten der digitalen Medien.

Denn das Internet macht die Verbindung mit anderen leichter denn je, und damit verbunden die Veröffentlichung und Verbreitung von Inhalten. Nie war es leichter als heute, vernehmbar Position zu beziehen und sich dabei mit anderen abzusprechen und sich gegenseitig den Rücken zu stärken. Neue – das heißt digitale, soziale und mobile – Medien schaffen neue Möglichkeiten der Beteiligung und dadurch „Empowerment“: Sie unterstützen, erleichtern und beflügeln das Teilnehmen und das aktive Einbringen der Nutzer. Genauer: Sie können unterstützen – wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Der vorliegende Bericht macht darum auch Vorschläge, wie eine konstruktive, souveräne partizipative Nutzung neuer Medien gefördert werden kann – differenziert nach den DIVSI Internet-Milieus. Weil Beteiligung im Internet so bunt und vielfältig ist wie unsere Gesellschaft, können alle gesellschaftlichen Akteure dabei einen Beitrag leisten.

Ein solcher Beitrag besteht in der Durchführung und Veröffentlichung von Studien rund um die Internetnutzung. Sie schaffen Aufklärung und Orientierung, stoßen Debatten an und geben Anhaltspunkte für die gemeinsame Gestaltung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Es ist die Hoffnung des Projektteams, dass auch der vorliegende Bericht in diesem Sinne Wirkung entfaltet. Damit erkannt wird, wie weit verbreitet, wie bedeutsam und wie vielversprechend Beteiligung im Internet ist. Und damit möglichst viele von diesen Versprechen profitieren können.

Christian P. HoffmannChristian P. Hoffmann
MCM – Institute for Media and Communications Management University of St. Gallen
St. Gallen, April 2015