Hürden

Da sie aktiv soziale Medien nutzen und relativ häufig Inhalte im Netz erstellen und teilen, reflektieren Digital Souveräne auch mehr als andere Milieus die Vor- und Nachteile der Informationsökonomie.

„Eigentlich ist es ein Teufelskreis. Wir wollen alle, dass alle Informationen bekommen, dass alle Bescheid wissen, dass jeder vor allen Gefahren gewarnt ist, und auf der anderen Seite will keiner von uns etwas preisgeben, und das funktioniert so nicht. Da muss man sich für einen Weg entscheiden.“

Sie befürworten zwar das offene Teilen von Information und schätzen die Fähigkeit des Internets, Informationen zu verbreiten. Gleichzeitig machen sie sich Sorgen um eine überwältigende Informationsflut. Angesichts ihrer Fülle wird kritisch reflektiert, ob die im Netz verfügbaren Informationen auch zuverlässig, glaubwürdig oder dauerhaft sind. Da Digital Souveräne selbst relativ viele digitale Inhalte erstellen und teilen und proaktiv Angebote im Netz erstellen, kann dieses Milieu die Manipulationsmöglichkeiten im Internet gut beurteilen – und ist sich daher auch der Limitationen verfügbarer Online-Angebote bewusst.

„Ich finde das auch kritisch mit Gesundheitsfragen. Du hast am Ende immer Krebs.“

„Aber ich muss sagen, mittlerweile nervt es mich […] weil jetzt massiv Firmen positive Bewertungen kaufen für ihre Artikel, und da kommen ja dann solche Diskrepanzen. Manchmal stehe ich da und will mir was kaufen, und dann sehe ich Stiftung Warentest 1,9, und dann sehe ich die User-Bewertung, ‚Der letzte Dreck, Mist, ging kaputt’, und dann ist man total verwirrt, weiß nicht mehr, was man machen soll. Was gut anfing, das kehrt sich auch schon wieder, finde ich, weil man dem nicht mehr vertrauen kann.“

Trotz ihrer selbstbewussten Mediennutzung und ihres Wunsches nach Mitgestaltung machen sich Digital Souveräne Sorgen vor der mit einer Beteiligung im Netz verbundenen – dauerhaften – Sichtbarkeit der Nutzer. Engagierte Internetnutzer exponieren sich und machen sich so angreifbar. Digital Souveräne sorgen sich weniger um das Mobbing durch andere Nutzer, aber um mögliche Auswirkungen politischer Strömungen und Entwicklungen des politischen Systems.

„Sichtbarkeit. Manchmal bei solchen Petitionen, Leserbriefen oder so, da halte ich kurz inne und frage mich, ob das o.k.. ist, wenn das jetzt so mit meinem Namen auftaucht, und wie stehe ich dazu. Ist es o.k., wenn ich da nächstes Jahr drauf angesprochen werde.“

„Das kann bis hin zur sozialen Ausgrenzung gehen, wenn ich mich beteilige oder engagiere. Wenn ich nicht dem Mainstream entspreche oder der Political Correctness, dann bin ich ganz schnell auch das Opfer.“

Digital Souveräne reflektieren auch kritisch, dass die Beteiligung oder das Engagement besonders kompetenter Internetnutzer dazu führen könnte, dass andere, leisere Stimmen verdrängt oder ausgegrenzt werden könnten. Sie wünschen sich einen offenen Umgang untereinander und faire Spielregeln.

„Ausgrenzung aber auch. Wen lässt man denn teilhaben? Wer bestimmt, wer teilnimmt, oder durch was nimmt man teil? Ist man schon vorab ausgeschlossen von der Teilnahme, weil man irgendwelchen Anforderungen nicht gerecht wird?“

Letztlich überwiegen in diesem Milieu die Treiber der Beteiligung gegenüber ihren Hürden deutlich. Digital Souveräne geben dennoch interessante Anhaltspunkte, wie sich die Beteiligung im Internet in Zukunft unterstützen und erleichtern lässt (s. Kapitel 6).