5. Zusammenfassung und Implikationen

Vertrauen überbrückt die Unsicherheit, die jeder ökonomischen Transaktion zugrunde liegt. Es ist das Öl im Getriebe der Volkswirtschaften (Arrow 1974). Vertrauen ist stets riskant für den jeweiligen Vertrauensgeber. Gerade hinsichtlich dieser Bedingung unterscheidet sich häufig unser intuitives Verständnis vom wissenschaftlichen Vertrauenskonzept. Verhält sich ein Vertrauensnehmer opportunistisch, stellt sich der Vertrauensgeber schlechter als in der Ausgangssituation. Andernfalls ist Vertrauen keine notwendige Bedingung für eine Handlung.

Der vorliegende Überblick stellt zentrale Befunde der wirtschaftswissenschaftlichen Grundlagenforschung vor. Er stützt die Analysen auf ein spieltheoretisches Modellgerüst, das eine Vertrauensbeziehung in ihren zentralen Kerneigenschaften abbildet. Die empirische Evidenz zeigt auf breiter Front, dass Menschen sich grundsätzlich vertrauen, auch wenn das Risiko opportunistischen Verhaltens vollständig transparent ist für Vertrauensgeber. Die Bereitschaft, einer anderen Person oder Organisation zu vertrauen, wird jedoch durch die damit verbundenen Risiken und die dahinterliegenden Anreize getrieben. Letztere beeinflussen die Erwartung des Vertrauensgebers hinsichtlich vertrauenswürdigen oder opportunistischen Verhaltens des Vertrauensnehmers. Kulturelle Herkunft und andere soziodemografische Variablen scheinen nur einen relativ geringen Einfluss auf Vertrauen auszuüben.

Für Umgebungen, in denen Vertrauensgeber weniger Informationen haben über Anreize des Vertrauensnehmers, liefern zahlreiche Studien aus der Organisationsforschung Evidenz für die Relevanz dreier zentraler Vertrauenstreiber. Wissensbasiertes Vertrauen erlaubt es Vertrauensgebern, die Neigung des Vertrauensnehmers besser zu prognostizieren. Kompetenzbasiertes Vertrauen stellt auf die Fähigkeit eines Vertrauensnehmers ab, tatsächlich vertrauenswürdig zu handeln. Institutionenbasiertes Vertrauen beschreibt die situative Umgebung, in der eine Vertrauensbeziehung angesiedelt ist und die durch exogene Einflüsse manipuliert werden kann.

Aus den Befunden der wirtschaftswissenschaftlichen Organisationsforschung lassen sich einige Implikationen für die Interaktion in der digitalen Welt ableiten: Die Akzeptanz neuer Technologien, neuer Produkte oder neuer Dienstleitungen wird in hohem Ausmaß dadurch bestimmt, wie sich potenzielle Vertrauensnehmer in der Vergangenheit verhalten haben. Bekannte Anbieter wie Google, Amazon, Facebook oder die eingesessenen Online-Banken können neuen und alten Kunden glaubhaft signalisieren, dass sich ihr Verhalten auch bei neuartigen Angeboten nicht ändern wird. Sie haben Anreize, ihre Reputation nicht durch die Realisation kurzfristiger Gewinne zu verbrennen. Kleineren Anbietern wird es hingegen schwerer fallen, innovative Produkte und Dienstleistungen online zu platzieren, sofern damit gravierende Risiken für potenzielle Nachfrager einhergehen.

Auch die wahrgenommene Kompetenz eines Anbieters kann eine wichtige Rolle beim Aufbau von Vertrauensbeziehungen im Netz spielen. Der regelmäßige Umzug von Streaming-Portalen zeigt, dass Plattformanbieter ein strategisches Interesse haben, ihre Nutzer vor markenrechtlichen Konsequenzen in ihren jeweiligen Heimatstaaten zu schützen. Die Nutzer vertrauen im Gegenzug darauf, dass die Anbieter den Rechtsrahmen in den jeweiligen Serverländern kennen und auf etwaige Veränderungen kompetent reagieren.

Die öffentliche Debatte um Datenklau und Datenspionage hat in den vergangenen zwei Jahren zu einem vermeintlichen Vertrauensverlust in digitale Angebote geführt. Während der institutionelle Rahmen mit seinem Fernabsatzgesetz oder sicheren Bezahlmethoden die privaten Nutzer bereits vor gravierenden finanziellen Konsequenzen schützt, bleibt fraglich, welche Folgen der Vertrauensverlust in die Datensicherheit tatsächlich mit sich bringt. Geht es um soziale Kosten, die bei den Nutzern anfallen und vor denen der Gesetzgeber schützen sollte? In diesem Fall sollte zunächst die angewandte Vertrauensforschung die Frage beantworten, welche sozialen Kosten genau entstehen und in welchem Umfang diese anfallen. Oder geht es um die Angst der Nutzer vor finanziellem Schaden? In diesem Fall würden Aufklärungsprogramme zum bestehenden institutionellen Rahmen die richtige politische Maßnahme sein, um das Vertrauen in die digitale Welt unter den (Nicht-)Nutzern nachhaltig zu fördern.