4.3 Virtuelle Vertrauensbörse

Virtuelle Börsen sind Prognosemärkte und werden in der Marktforschung benutzt, um Erwartungen, Hoffnungen und Ängste von vielen Personen in Echtzeit unverzerrt abzufragen (Spann und Skiera 2003). Dabei handeln die Beteiligten Aktien über eine bestimmte Größe, die fest mit der Realwelt verbunden ist, aber noch nicht realisiert wurde. Der aktuelle Marktpreis in der Börse gibt zu jedem Zeitpunkt darüber Aufschluss, welche Ausprägung der Realweltgröße von der Masse an Händlern erwartet wird. Zum Realisationszeitpunkt werden dann alle Aktien ausgezahlt. Liegt die Realweltgröße über dem erwarteten Wert in der Börse, erzielt man einen zusätzlichen Gewinn, wenn man diese Aktie zum Marktpreis gekauft hat. Liegt der reale Wert unterhalb des erwarteten Werts, verdient man weniger und hätte die Aktien besser zum Börsenpreis verkauft. Ein Beispiel soll das Prinzip verdeutlichen: Bei virtuellen Wahlbörsen sollte man dann Aktien einer Partei kaufen, wenn man glaubt, dass diese am Wahltag mehr Stimmen erhält, als derzeit von den übrigen Marktteilnehmern erwartet wird. Auf der anderen Seite würde man die Aktien einer Partei verkaufen, wenn man vermutet, dass diese weniger Stimmen erhält, als derzeit von den anderen Teilnehmern erwartet wird.

Virtuelle Wahlbörsen prognostizieren den Ausgang von politischen Wahlen oftmals besser als die Meinungsforschungsinstitute auf Basis repräsentativer Umfragen. Im Hinblick auf Vertrauen im Internet ließe sich auf den ersten Blick eine Reihe von Realweltgrößen „handeln“ – bspw., wie viele Privatadressen beim nächsten Datendiebstahl entwendet werden, wie groß der Schaden für die betroffenen Unternehmen sein wird oder wie viele Stimmen die Piratenpartei bei der nächsten Wahl erhält. Problematisch ist daran allerdings, dass diese Realweltgrößen nicht nur durch Vertrauen in digitale Institutionen getrieben, sondern durch eine Vielzahl anderer Größen beeinflusst werden. Hier müsste zunächst der Einfluss von Vertrauen auf die jeweilige Realweltgröße isoliert betrachtet werden, um zu validen Rückschlüssen über Vertrauensentwicklungen im Markt zu gelangen.